Anleitung zum Unglücklich sein

Der österreichische Psychologe Paul Watzlawick veröffentlichte 1983 das Buch „Anleitung zum Unglücklich sein“. Eines der bekanntesten Beispiele aus dem Buch ist die Geschichte mit dem Hammer. Darin möchte sich einer einen Hammer von seinem Nachbarn leihen, und die Geschichte endet: „Behalten sie ihren Hammer, sie Rüpel!“. Hier erzähle ich die Geschichte als „Die Geschichte vom geliehenen Ei.“

Paul möchte sich gerne einen leckeren Eierkuchen backen. Eierkuchen lässt sich einfach und schnell zubereiten. Bekanntlich tut Süßes gut, nach einem langen Tag. Milch und Mehl hat er, aber keine Eier. Paula, seine Nachbarin nebenan hat sicher welche. Deshalb beschließt Paul zu Paula zu gehen und sich ein Ei zu leihen.

Doch da kommen ihm Zweifel: Was, wenn Paula mir kein Ei leihen will? Gestern hat Paula mich nur flüchtig gegrüßt. Vielleicht war sie in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgetäuscht, und sie hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihr nichts angetan; die bildet sich da etwas ein. Wenn Paula mich fragen würde, ich würde ihr sofort ein Ei leihen. Aber warum tut Paula das nicht. Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie Paula vergiften einem das Leben. Und dann bildet Paula sich auch noch ein, ich sei auf sie angewiesen. Nur weil sie ein Ei hat, und ich nicht. 

Jetzt reicht es Paul aber wirklich. Es stürmt hinüber, läutet, Paula öffnet, doch noch bevor sie etwas sagen kann, schreit Paul: „Behalte deine blöden Eier! Ich esse etwas anderes.“

Es gibt mehrere Wirklichkeiten

Die Geschichte mit dem Ei illustriert: Menschen konstruieren sich ihre eigene Wirklichkeit. Paul interpretiert das Verhalten von Paula („Sie hat mich nur flüchtig gegrüßt.“) auf Grundlage seines eigenen Welt- und Menschenbilds. Er konstruiert seine eigene Wirklichkeit. In der Geschichte mit dem Ei führt diese Konstruktion von Wirklichkeit zu einem Missverständnis. Auf den ersten Blick lässt sich das Missverständnis so erklären: Pauls Konstruktion von der Wirklichkeit ist falsch. Beim genauen Betrachten wird aber klar, dass es keine richtige oder falsche Wirklichkeit gibt. Jeder Mensch konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit, es gibt viele unterschiedliche Wirklichkeiten. Paulas Wirklichkeit ist vielleicht: „Ich mag Paul, aber ich weiß nicht ob er mich mag. Deshalb bin ich lieber etwas zurückhaltend.“ Pauls Wirklichkeit ist vielleicht: „Ich mag Paula, aber sie ist so zurückhaltend. Ich glaube sie mag mich nicht.“

Es gehören immer zwei dazu

Wenn zwei oder mehr Menschen miteinander kommunizieren, treffen zwei Wirklichkeiten aufeinander. Es geht um mehr als nur den Austausch von Informationen. Es geht darum, ob sich mein eigenes Bild von der Wirklichkeit in Einklang bringen lässt mit der Wirklichkeit des anderen. Menschen haben das Bedürfnis, ihr eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen zu verstehen. Dazu gehört, einen Grund dafür zu finden, warum ich – oder jemand anderes – in einer bestimmten Weise reagiert. Ich versuche, die Ursachen für mein eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen zu verstehen. Es geht um die Frage, wie ich Verhalten – mein eigenes, und das anderer Menschen – erkläre.

Das wird Attribution genannt: Menschen suchen nach Ursachen, und schreiben jedem Verhalten bestimmte Ursachen zu. Fritz Heider beschreibt den Menschen als naiven Wissenschaftler, der die Welt um sich herum verstehen möchte und deshalb ständig Erklärungen für Beobachtungen und Erlebnisse sucht. Dabei unterliegen Menschen aber dem sogenannten Attributionsfehler: Ich nehme an, dass Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Meinungen einen großen Einfluss auf das Verhalten haben, und äußere Faktoren und die Situation eine untergeordnete Rolle spielt.

Im Beispiel oben geht Paul davon aus, dass Paula ihn nur flüchtig gegrüßt hat, weil sie ihn nicht leiden kann. Die Möglichkeit, dass Paula heute einen schlechten Tag hatte oder einen stressigen Tag vor sich hat, ist für ihn unwahrscheinlich. In Bezug auf mich selbst funktioniert der Attributionsfehler genau umgekehrt: Mein eigenes Verhalten schreibe ich eher der Situation zu, auf die ich reagiere, weniger der eigenen Persönlichkeit. Attributionen können Teil der eigenen Persönlichkeit werden. Paul könnte z.B. die Attribution, dass Paula ihn nicht leiden kann, auch auf andere Menschen übertragen. Daraus könnte sich die Überzeugung entwickeln: „Ich komme nicht besonders gut bei anderen Menschen an.“ oder „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Diese Überzeugungen werden Beliefs genannt: Glaubenssätze darüber wie ich selbst bin, wie andere sind und wie die ganze Welt um mich herum beschaffen ist.

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